Wie läuft eine künstliche Befruchtung ab?

Eine künstliche Befruchtung (in-vitro-Fertilisation, IVF) soll jenen Paaren zu einem Kind verhelfen, die auf natürlichem Weg nicht schwanger werden können. Zu den häufigsten Gründen für eine IVF zählen:

– reduzierte Samenqualität

– vermindert Samenanzahl

– verschlossene Eileiter

Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS)

– eingeschränkte Eizellreserve

– Endometriose

Untersuchung

Bevor entschieden wird, ob du/ihr geeignete KandidatInnen für eine IVF seid und ob es nicht etwa bessere Behandlungsformen für dich gibt, erfolgen mehrere Untersuchungen. Dazu zählen ein Spermiogramm (Analyse der Anzahl und Beweglichkeit der Spermien), Hormonbefunde sowie eine Ultraschalluntersuchung der Frau. Wenn du bereits mehrere Fehlgeburten oder erfolglose IVF-Versuche hinter dir hast, kann auch eine genetische Untersuchung durchgeführt werden.

Spermiogramm IVF

Abb.: Vor jeder IVF muss ein Spermiogramm durchgeführt werden


Hormonelle Stimulation

Entscheidet ihr euch gemeinsam mit dem/der KinderwunschexpertIn zu einer IVF, erhältst du eine Einschulung zur Selbstverabreichung von Hormonen. Diese musst du über einen Zeitraum von 11-13 Tagen ins Fettgewebe (Bauch, Po) spritzen oder spritzen lassen. In der Kinderwunschklinik wird dir genau erklärt, wann/wie du das am besten machst. Die Hormonspritzen bewirken, dass mehrere Eizellen in den Eierstöcken heranreifen.

Hormonelle Stimulation Eierstöcke

Abb.: Injektion von Hormonen in das Fettgewebe


Zyklusmonitoring

Ab dem fünften Zyklustag überwacht der/die KinderwunschmedizinerIn durch Ultraschalluntersuchungen die Zahl und das Wachstum der Eibläschen. Man diese Untersuchungen „Follikulometrie“. Sind zu wenige bzw. zu kleine Follikel erkennbar, kann die Hormondosis erhöht werden. Ziel der hormonellen Stimulation ist, dass genügend Eizellen heranwachsen, um eine gute Ausgangsbasis für eine Schwangerschaft zu haben. Zu viele Eizellen sollen aber auch nicht wachsen, da dies zu einer Überlastung der Eierstöcke mit zahlreichen Nebenwirkungen führt. Idealer Weise wachsen 5-10 Follikel auf eine Größe von 20-25mm heran. Um die Reifung der Follikel abzuschließen, wird das Hormon Choriongonadotropin injiziert.

Abb.: Follikulometrie; die schwarzen Blasen stellen Follikel dar

Follikelpunktion: Eizellen werden entnommen

Genau 35 Stunden danach – kurz bevor der Eisprung stattgefunden hätte – erfolgt die sogenannte Follikelpunktion unter einer kurzen Narkose. Mit einer langen, dünnen Nadel wird der Eierstock durch die Scheide angestochen, und die Follikel werden abgesaugt. Der Eingriff ist zumeist nach 10-15 Minuten vorbei. Etwa eine halbe Stunde bis Stunde nach dem Eingriff kannst du unter Begleitung die Klinik verlassen. Es zu leichten Blutungen kommen, und du solltest dich den Rest des Tages schonen.

Befruchtung

Die aus den Follikeln gesaugte Flüssigkeit enthält idealerweise mehrere Eizellen. Mit einem speziellen Licht können Embryologen im Labor die Eizellen in der Follikelflüssigkeit sichten,  mit einer Pipette aufsaugen und in eine Nährlösung betten. Die Eizellen sind etwa 1mm groß und mit freiem Auge erkennbar.

Im nächsten Schritt werden die Eizellen mit den Samen befruchtet. Die Samenflüssigkeit kann man entweder zur Befruchtung mitbringen (sie sollte nicht älter als 1h sein), oder Mann sorgt im Masturbationsraum der Klinik für frischen Samen. Lesbische Paare sind auf einen Samenspender angewiesen. Viele IVF-Kliniken haben ein großes Repertoire an Samenspendern.

Alle reifen Eizellen und die Samenzellen werden entweder in einem mit Nährlösung gefüllten Reagenzglas zusammengebracht, oder der Samen wird mit einer langen, sehr dünnen Nadel in die Eizelle eingebracht. In letzterem Fall, der vor allem bei schlecht beweglichen Samenzellen und sehr wenigen Eizellen durchgeführt wird, spricht man von einer “ICSI”.

Abb.: Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI)

Entwicklungskontrolle der Embryonen

Die befruchteten Eizellen kommen in einen Inkubator (Brutkasten) mit einer Idealtemperatur von 27 Grad Celsius. Moderne Inkubatoren sind mit Kameras ausgestattet, die eine Beobachtung der embryonalen Entwicklung ermöglichen, ohne die Embryonen aus dem Brutschrank herausnehmen zu müssen. Die Embryologen im Labor analysieren laufend die Entwicklung der befruchteten Eizellen und wählen zum Transfer in die Gebärmutter jenen Embryo mit der besten Qualität aus. Um Mehrlingsschwangerschaften, die zahlreiche Risiken für Mutter und Kinder bedeuten, zu vermeiden, sollte idealerweise nur ein Embryo transferiert werden.

Transfer des Embryos

Der Transfer des Embryos erfolgt im Idealfall fünf bis sechs Tage nach der Eizellentnahme. Vor dem Transfer des Embryos sollte deine Blase nicht leer sein, damit das Ultraschall-Monitoring besser funktioniert. Der Transfer des Embryos erfolgt mit einem Katheter – einem dünnen, biegsamen Schlauch, der durch die Scheide eingeführt wird. Der Embryotransfer verursacht für gewöhnlich keine Schmerzen und ist nach wenigen Minuten vorbei. Es ist nicht notwendig, danach liegen zu bleiben; im Gegenteil, es ist sogar besser zur Einnistung des Embryos, wenn du du sitzt oder dich ein wenig bewegst.

Sind nach dem Transfer noch immer Embryonen guter Qualität vorhanden, besteht die Möglichkeit, die überzähligen Embryonen einzufrieren. Solltest du beim ersten IVF-Versuch nicht schwanger geworden sein, wird ein Embryo für den nächsten Versuch aufgetaut. Nach dem Transfer wird das Einnisten der befruchteten Eizelle durch die Gabe von Hormonen unterstützt.

Bis sich eine Schwangerschaft durch den Nachweis des Schwangerschaftshormons hCG im Blut oder im Urin nachweisen lässt, dauert es etwa 10-12 Tage.

Erste Schwangerschaftssymptome >>

Wie hoch ist die Chance, durch IVF schwanger zu werden?

Die Schwangerschaftschancen hängen stark von deinem Alter, den Ursachen der Unfruchtbarkeit, von den eingesetzten Techniken und der Erfahrung des dich betreuenden Teams ab. Weltweit liegt die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit, nach einer IVF schwanger zu werden, bei etwa 25-30 Prozent; im DACH-Raum liegt sie bei 35-40%.

IVF-Kliniken mit einem eingespielten Team aus ÄrztInnen und EmbryologInnen erzielen bei Paaren, bei denen die Frau unter 32 Jahre alt ist, Schwangerschaftsraten beim ersten Versuch von bis zu 65%. Am niedrigsten sind die Schwangerschaftsraten bei Frauen über 40.
Etwa 15-20 Prozent der Paare bzw. etwa die Hälfte aller Frauen über 40 erleiden nach einer IVF eine Fehlgeburt. Das Risiko für eine Fehlgeburt lässt sich durch eine genetische Untersuchung des Embryos stark reduzieren; diese Untersuchung ist jedoch nur unter bestimmten Auflagen erlaubt.

Welche Risiken und Nebenwirkungen hat eine IVF?

– Zu den Hauptrisiken der IVF gehört das Überstimulationssyndrom (OHSS). Dabei reagieren die Eierstöcke zu stark auf die hormonelle Stimulation. Es wachsen sehr viele Follikel heran, die Eierstöcke vergrößern sich, und es kann zu Übelkeit, Schmerzen und einer Wasseransammlung im Bauch kommen. Frauen unter 35 und Frauen mit PCOS haben ein erhöhtes Risiko für eine Überstimulation.

– Eine mögliche Komplikation bei der Entnahme der Eizellen sind Verletzungen an Gewebe und Organen (Blase, Darm, Gefäße).

– Bei Eingriffen in Vollnarkose kann es in sehr seltenen Fällen zu allergischen Reaktionen kommen.

– In mindestens zwei Prozent der Fälle kommt es zu einer Eileiterschwangerschaft. Obwohl der Embryotransfer in die Gebärmutter erfolgt, nistet sich der Embryo im Eileiter ein.


Quellen:

Healy MW
, Hill MJ, Levens ED: Optimal oocyte retrieval and embryo transfer techniques: where we are and how we got here. Semin Reprod Med. 2015 Mar;33(2):83-91. 

Perkins KM et al: Risk of Ectopic Pregnancy Associated With Assisted Reproductive Technology in the United States, 2001–2011. Obstet Gynecol. 2015 Jan; 125(1): 70–78.

Timmons D et al: Ovarian hyperstimulation syndrome: A review for emergency clinicians.
Am J Emerg Med. 2019 Aug;37(8):1577-1584.